Heute hat sich unsere Reise wie richtiger Urlaub angefühlt, der sie ja tatsächlich auch ist. Ich meine jetzt, wie der Klischee-Urlaub mit Sonne und Meer, blauer Himmel, Ruhe und Entspannung. Schon beim Aufbruch in Meldorf schien die Sonne, der Himmel strahlte mit Chagall um die Wette (wobei dessen Blau eher etwas dunkel ist) und kein Wölkchen weit und breit zu sehen. Sogar die Temperatur war außerhalb des Ortes noch angenehm, was sich aber im Laufe des Tages noch etwas ändern sollte, jedoch blieb es immer gut aushaltbar, da zwar wenig, aber doch immer ein leichter Wind wehte, der für etwas Kühlung sorgte. Und über allem schwebte eine große Urlaubstagsruhe. Ich weiß auch nicht so richtig, ob dies an meiner Stimmung lag, ob es heute tatsächlich besonders ruhig war oder ob es hier vielleicht immer besonders ruhig ist, schließlich gibt es hier keine großen Städte, die überfüllten Touristenorte wie Büsum waren immer schnell durchfahren und sonst gab es nur Deich, blöckende Schafe, und, wenn überhaupt, sich sachte drehende Windradflügel, von Zeit zu Zeit ein Auto, oder ein in der Ferne brummender Rasenmäher oder eine andere landwirtschaftliche Maschine. Es schien, als hätte die ganze Region heute Urlaub gemacht.

Wobei wir noch in einem anderen Sinn beim Motto unseres heutigen Tages wären. Orte am Rande des Weges erinnerten mich an vergangene Urlaube. Dies begann mit Friedrichskoog, unweit unseres Übernachtungsortes Meldorf (an das ich mich übrigens nicht mehr erinnern konnte, aber wahrscheinlich waren wir dort nicht). Als Jugendlicher verbrachten wir nämlich mit der Familie in Friedrichskoog einen Sommerurlaub. Es war unser erster Urlaub an der Nordsee, bislang waren meine Schwester und ich nur das tunesische Mittelmeer gewöhnt, und dachten, alle Meere sehen so aus. Deswegen waren wir schon enttäuscht, als wir in Friedrichskoog ankamen, den Deich erklommen haben und – kein Meer sagen, sondern nur eine Matchwüste, Watt genannt. Aber auch bei Flut lud das Meer nicht zum Planschen, Schwimmen oder Toben ein, da es viel zu flach war, kein Sandstrand vorhanden war und zu allem Überdruss auch noch ständig durch Buhnen unterbrochen war. Da auch die mitgebrachten Räder ob des Windes nur selten zum Einsatz kamen, saßen wir meist in der Ferienwohnung beim Spielen oder Fernsehklotzen (es waren, glaube ich, auch noch irgendwelche Olympischen Spiele oder so). Aber zumindest bei ersterem waren wir sehr kreativ, wir entwickelten weitere Varianten unseres damaligen Lieblingsspiels „Canasta“. Um wieviel besser hatte es damals die Familie meiner Tante getroffen, die zur gleichen Zeit nur wenige Kilometer weiter nördlich in St.-Peter-Ording Urlaub machten (das wir übrigens morgen auch durchfahren werden). Bei einem Besuch dort mussten wir feststellen, dass es dort den erwarteten Sandstrand mit Jubel und Trubel gab und man auch ohne sich den Bauch aufzuschlitzen dort schwimmen konnte. Eigentlich wollte ich danach nie wieder an die Nordsee, habe aber mittlerweile meine Meinung revidiert und weiß jetzt auch die ökologische und touristische Qualität des Wattenmeers zu schätzen.
Noch einen weiteren Urlaub, oder, um genau zu sein, waren es sogar mehrere, so genau weiß ich aber die Anzahl nicht mehr, konnten wir heute nacherleben. Einige Male waren wir mit unseren Kindern und teilweise auch mit Beates Schwester und ihren Eltern auf einem Bauernhof in Hedwigenkoog bzw. Westerkoog in der Nähe von Büsum. Diesem Bauernhof, dem Ferienhof Folger, statteten wir heute bei einem kurzen Abstecher vom Weg einen Besuch ab und trafen tatsächlich Carmen, die Besitzerin, an und hielten ein kurzes Schwätzchen mit ihr und frischten alte Erinnerungen auf. Viele Dinge sind noch genauso wie vor über 15 Jahren, aber einiges hat sich auch geändert. Leider ist Reimer, der Bauer, inzwischen gestorben, der damals aufgrund einer Wetter mit Beate die Hundehütte mit dem Tieflader auf den Balkon unserer Ferienwohnung bugsierte. Außerdem hat Carmen nach dem Tod ihres Mannes die Kühe und damit auch den Melkroboter abgeschafft, der uns damals so fasziniert hatte. Mit dem Melkroboter konnten sich die Kühe jederzeit selbst melken lassen, was für die Feriengäste immer ein faszinierendes Schauspiel war.

Nach Westerkoog fuhren wir in einer kleinen Abweichung vom Nordseeküsten-Radweg in einer Schleife noch über Tönning, das einen malerischen alten Hafen hat, wo wir auch eine kleine Mittagspause machten. Damit sind wir nicht über das Eidersperrwerk gefahren, dass wir noch von damals in schlechter Erinnerung hatten, als wir mit Nadjeschda (sie war damals sechs Jahre alt) mit dem Rad von Westerkoog dorthin fuhren. Während der Hinweg noch ganz gut ging bzw. vom Rückenwind erleichtert wurde, war der Rückweg für alle eine wahre Geduldsprobe. Weitere Details möchte ich euch ersparen, aber unsere Familie hat es überlebt. Edina, du hattest damals übrigens Glück: Du warst noch so klein und durftest im Kindersitz gefahren werden.

Wenn man so durchs Land reist, kommen einem nicht nur Erinnerungen an alte Zeiten oder Verbindungen von Orten zu Personen, sondern man kann auch kuriose oder überraschende Orts- und Straßennamen kennenlernen. Heute z.B. endete unsere Tour in Welt, wo man übrigens wohl denkt, wenn man schon in Welt ist, braucht man keine Verbindung mehr zur Welt, weshalb es auch keinen Mobilfunk gibt (Bernhard: Wieder ein Auftrag an dich :)), selbst das WLAN in unserer Pension ist äußerst wackelig. Aber sonst ist es ein gemütliches kleines Dorf mit einem guten „Welt-Cafè„, wo wir gleich unsere zweite Hauptmahlzeit eingenommen haben.

Eine andere Überraschung erlebten wir heute Morgen, als wir plötzlich (nach über 1200 km Radeln von Heidelberg aus) an Mannheim vorbeiradelten, was aber, wenn überhaupt, nur aus einer handvoll quadratischen Häusern besteht. Gestern sind wir auch durch die (Blomesche) Wildnis gefahren und in Glückstadt durch die „Namenlose Straße“ geschlendert. Und natürlich der Name „Glückstadt“ selbst ist Programm, wobei der Gründer wohl trotz des Namens mit der Stadt nicht so viel Glück hatte. Unterwegs passierten wir auch schon Friedlos und Sorga und einige andere Orte mit kuriosen Namen (Mückenloch fällt mir da gerade noch ein), die mir jetzt entfallen sind.

Wer diesen Blog regelmäßig liest, dem wird wohl aufgefallen sein, dass ich gestern nichts geschrieben habe. Dies lag, wie immer, nicht daran, dass gestern nichts passiert ist, sondern, dass ich zu müde war, um noch etwas aufzuschreiben. Den Abend gestern haben wir nämlich hauptsächlich mit der weiteren Planung unserer Reise und dem Buchen entsprechender Unterkünfte verbracht. Bis nächsten Donnerstag ist jetzt alles in trockenen Tüchern, wir müssen nur noch am richtigen Tag am richtigen Ort sein. Dabei fällt mir noch ein anderer kurioser Name ein: Am nächsten Donnerstag werden wir in „Hunhoi“ übernachten, für uns hörte sich das irgendwie wie Hanoi an und würde uns als Name einer vietnamesischen Stadt nicht so überraschen, wie als Name eines schleswig-holsteinischen Dorfes. Außerdem habe ich alle bislang gemachten Touren zu einer Komoot-Collection zusammengefasst. Das Zwischenergebnis kann sich sehen lassen, denke ich:

Was gibt es noch über gestern zu berichten? Das Wetter war gestern angenehm mild, nach dem Regentag vorgestern eine wahre Wohltat. Was uns aber nicht daran hinderte, mal wieder getrennte Wege zu fahren. Da ich kurz nach der Abfahrt in Glückstadt feststellte, dass meine Kette nach doch jetzt wieder einigen hundert Kilometern und dem Regenwetter vom Vortag geschmiert werden musste, hielt ich kurz an, um dies zu tun, was dann aber doch etwas länger dauerte, da ich auch gleich noch den ganzen Dreck, der sich angesammelt hatte, entfernt habe. Als ich dann ein paar Kilometer später dachte, jetzt müsste ich Beate doch eingeholt haben, sie aber weit und breit nicht zu sehen war, griff ich dann doch zum Telefon, um nachzufragen, wo sie gerade wäre. Und wie befürchtet, war sie nicht auf dem gleichen Weg wie ich, sondern, und das war das lustige daran, an genau der gleichen Stelle wie ich, nur auf der anderen Seite des Deiches. Dies merkten wir dadurch, dass Beate beschrieb, sie sähe die Spitze eines rot-weißen Leuchtturms hinter dem Deich, was just der Leuchtturm war, vor dem ich gerade stand. Da sage noch einmal jemand, Leuchttürme hätten bei Tageslicht an Land keinen Nutzen.

Und noch einen kleinen Schrecken bekamen wir gestern, als plötzlich Beates Tasche nach einer Holperstrecke, von denen es hier einige gibt (Kopfsteinpflaster, Rasensteine u.ä. als Untergrund), nur noch halb am Fahrrad hing. Eine erste Untersuchung ließ schlimmes befürchten: Es sah so aus als wäre eine Befestigung herausgerissen. Bei näherem Hinschauen stellte sich aber heraus, dass nur eine Mutter von der zugehörigen Schraube abgefallen war und das glücklicherweise innerhalb der Tasche, so dass wir die Mutter in der Tasche schnell gefunden hatten und sie wieder festschrauben konnten und damit recht schnell wieder weiterfahren konnten.
Weiterfahren und eine neue Überraschung erleben: Tatsächlich mussten wir im sonst flachen Land eine Steigung erklimmen, die uns durch einen kleinen Wald führten, den wir dort auch nicht erwartet hatten und der auch noch als „Wolfstreifgebiet“ ausgewiesen war. Eine kurze Recherche ergab, dass laut Nabu tatsächlich in Schleswig-Holstein 2022/23 zwei Paare und ein Einzelwolf nachgewiesen worden waren. Wenn man die Anti-Wolfs-Plakate der Schafzüchter hier sieht, könnte man aber denken, es sind hunderte.
Links zu unseren Touren gestern und heute:









































