Short English Summary: Today we crossed another border between two German states: From Schleswig-Holstein to Mecklenburg-Vorpommern, where the former was part of Western Germany and the latter of Easter Germany. Our destination today was Wismar, whose old town is part of the UNESCO world’s heritage. There we stay in a hotel which was a former prison and in which the rooms are called „cells“.
Nachdem sich die Zellentür nun endgültig für diese Nacht hinter uns geschlossen hat, kann ich die Zeit nutzen wieder etwas über diesen Tag zu schreiben. Bevor wir in Neustadt gestartet sind, haben wir erst noch ein paar Einkäufe erledigt, so dass wir etwas später los kamen als sonst. Da wir aber das nächste bikeline-Buch in Neustadt nicht bekommen konnten, der Buchladen in Wismar, bei dem wir es dann reserviert haben, aber nur bis 18 Uhr auf hatte und wir wieder über 80km vor uns hatten, war ich mir nicht sicher, ob wir es rechtzeitig schaffen würden, um das Buch noch abzuholen. Aber, als kleiner Vorgriff, wir waren dann doch schon ungefähr um 17.30Uhr in Wismar, wenn es auch am Morgen noch nicht so danach ausgesehen hatte.

Denn nach nicht viel mehr als 5km wollte Beate in Sierksdorf für eine kleine Toillettenpause anhalten. Da dort aber der Strand gerade noch leer war und die Ostsee so einladend blau schimmerte, überkam mich die Lust mal schnell reinzuspringen und ein paar Minuten zu schwimmen, was ich dann auch getan habe. Dadurch war es aber schon fast 12 Uhr bis wir richtig losgefahren sind. Außerdem haben wir den Fehler gemacht, getrennt wieder loszufahren, damit Beate ein bisschen Vorsprung hat, den ich bald wieder einzuholen gedachte. Wie es aber so geht, irgendwie bin ich dann doch wieder an Beate vorbeigefahren ohne es zu merken. Zu allem Überfluss fand Beate aufgrund einer Umleitung nicht wieder auf den richtigen Weg zurück, so dass sie wieder an mir vorbei fuhr, während ich auf sie wartete. Aber am Ende haben wir uns dann glücklich wieder an der Fähre in Travemünde getroffen. Leider konnte Beate deswegen die Steilküste zwischen Timmendorfer Strand und Travemünde nicht sehen, was der Höhepunkt für mich während dieses Teil unserer heutigen Etappe war.

Während wir hier an der Küste entlang radeln ergeben sich immer wieder Beziehungen zu Urlauben oder Erlebnissen, die wir in der Vergangenheit hatten. In Kiel z.B. bei Klara mit ihrer Familie mit zwei kleinen Kindern sind uns viele Dinge eingefallen, die wir mit unseren Kinder erlebt haben, gestern bei der Fahrt zum Fehmarnsunt, unser Urlaub mit Sanja und Edina, den wir vor einigen Jahren dort verbracht haben. Das war übrigens auch der Grund, warum wir nicht die Schleife über Fehmarn mitnehmen wollten, da wir damals schon recht viel mit dem Rad gefahren sind und deswegen dachten, das meiste schon gesehen zu haben. Außerdem ist im Moment die Fehmarnsuntbrücke für Fahrräder gesperrt, weswegen es etwas umständlich gewesen wäre, dort hinzukommen.
Ein weiterer Urlaub, an den ich heute denken musste, war noch gar nicht so lange her. Zum letzten Jahreswechsel war ich nämlich mit meiner Schwester auf der Insel Poel, die in der Bucht vor Wismar liegt. Und als wir dort waren, haben wir natürlich auch Wismar mehrere Besuche abgestattet. Aber im Sommer ist die Stadt noch viel schöner als im grauen Winter, wobei sie mir damals auch schon sehr gefallen hat, was keine Kunst ist, schließlich ist die Altstadt zusammen mit der von Stralsund Welterbe der UNESCO (ich weiß gar nicht, das wievielte Welterbe wir jetzt schon auf unserer Tour gesehen haben, manchmal denke ich, es ist schon fast etwas besonderes in Deutschland kein Welterbe zu haben).

Und noch eine Beziehung zu einem vergangenen Urlaub verbinde ich mit Wismar, nämlich unseren Urlaub in Rerik, nicht weit von Wismar, das wir morgen durchfahren werden. Damals musste ich während des Urlaubs zurück nach Heidelberg fahren, da ich ein Bewerbungsgespräch in Karlsruhe hatte, was aber nicht sehr erfolgreich war, weshalb ich heute immer noch bei SAP arbeite. Was mir aber noch viel eindringlicher im Gedächtnis blieb, ist Nadjeschdas paralleler Aufenthalt in Montpellier. Ich glaube, es war ihr erster Urlaub ohne uns, sie war damals 12 Jahre alt und mit dem Stadtjugendring zum Jugendaustausch in Heidelbergs Partnerstadt. Leider hat es am Anfang für sie gar nicht gepasst, sie kam mit ihrer Gastfamilie nicht zurecht und mit ihren rudimentären Französischkenntnissen war auch die Kommunikation schwer. Deswegen rief sie uns ständig über das Mobiltelefon an, das wir ihr für den Notfall mitgegeben hatten. Da es aber so viele Notfälle gab und Telefonieren von Frankreich nach Deutschland damals noch teuer war, war das Guthaben schnell aufgebraucht, so dass wir ständig nachladen mussten, bis plötzlich überhaupt kein Anruf mehr kam, was uns noch mehr in Sorge brachte. Wie sich dann aber glücklicherweise herausstellte, war eine Lösung gefunden worden, in dem Nadjeschda zu einer anderen Familie kam, bei der auch schon ihre Freundin war. Da das ja kein Notfall mehr war, wurden wir auch nicht darüber informiert, dass es ihr wieder gut ging.
Das besondere an dieser Reise ist, dass diese ganzen isolierten Orte, die man mal aufgesucht hat, plötzlich in eine räumliche Beziehung gebracht werden. Während es vorher einzelne Punkte auf der Landkarte waren, die man mit dem Zug anfährt und dann wieder nach Hause zurückkehrt, fährt man jetzt diese Orte nach und nach an, stellt fest, wie nah oder fern sie zueinander liegen, und wie sich zwischen ihnen Land und Leute ändern. Heute hat sich z.B. auch wieder die Erscheinung der Ostseeküste signifikant geändert. Während die letzten Tage die Küste eher flach war mit einigen Hügel im Hinterland, gibt es hier immer mehr Steilküsten, was das Radfahren die Küste entlang noch etwas abwechslungsreicher, aber auch anstrengender, macht mit dem ständigen Auf und Ab, was mir aber auch besser gefällt. Die Steigungen sind zwar immer kurz, aber unter Umständen doch recht steil. Aber so gibt es auch immer wieder kleine sportliche Herausforderungen auf der Strecke.
Mit dem Passieren von Travemünde bzw. dem Priwall haben wir auch wieder eine Bundeslandgrenze überschritten, diesmal die zwischen Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, die früher auch die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten war. Deswegen war an der Grenze auch ein Gedenkstein aufgestellt, der dieser Teilung gedachte. Dort haben Beate und ich natürlich auch eine kleine Gedenkminute eingelegt, schließlich sind wir in unterschiedlichen deutschen Staaten aufgewachsen und hätten uns ohne die friedliche Revolution in der DDR, die letzten Endes auch diese Grenze zu einer einfachen Bundeslandgrenze gemacht hat, wahrscheinlich nie kennenlernen können.

Noch ein anderer Unterschied in der Landschaft heute war, dass die Küste hier oft einem Waldstreifen hat, was besonders bei der Sommersonne, die jetzt fast durchgehend scheint, das Radfahren angenehmer durch Schatten und etwas Kühle, obwohl die Temperaturen für unsere Verhältnisse doch recht angenehm sind (gerade war im Wetterbericht von 37°C die Rede, während es hier um die 25°C sind).

Eine letzte Sache, die ich heute noch kurz erwähnen möchte, ist die Katastrophe der Cap Arcona, die sich in den letzten Kriegstagen 1945 in der Lübecker Bucht vor Neustadt ereignet hat und bei der 4600 KZ-Häftlinge ums Leben kamen. In Neustadt gibt es ein eigenes Museum dazu und immer wieder an der Küste hier gibt es Gedenkstätten, wo Opfer angespült wurden. Auch auf der Insel Poel, wo wir zum Jahreswechsel waren, gab es eine etwas größere Gedenkstätte, an der auch etwas zu den Hintergründen erklärt wurde.
Und nun muss ich auch noch meinen Eingangssatz auflösen. Wir schlafen heute nämlich in einem Hotel, das früher eine Jugendarrestanstalt war, das „Kittchen“ heißt und in dem die Zimmer „Zellen“ heißen.
Hier noch unsere heutige Tour: Neustadt-Wismar.



































